100 JAHRE BergFilm
von
Hans-Jürgen Panitz


Berge verstellen die Aussicht auf das unmittelbar Dahinterliegende. Ist man erst mal oben, eröffnen sich gleich mehrere Dimensionen. Berge hindern den Menschen am Fortkommen. Berge bringen Segen und Verderben. Wasser entspringen in den Bergen. Urplötzlich aber wird das lebensbringende Nass zur alles überflutenden, tödlichen Gefahr, gerät zur Metapher. Steinschläge und Lawinen vernichten Ernten, Existenzen, Leben.

So kam es nicht von ungefähr, dass kein Bergbewohner früher auf die Idee kam dort hinaufzusteigen, wo mutmaßlich Dämonen und Trolle auf Graten und zwischen den Schrofen hausten; Geister in den unendlichen Tiefen der Gletscherspalten ihr Unwesen trieben und den Menschen nur nach dem Leben trachteten.

In den Bergen zu leben bedeutete vor allem in den Wintermonaten Hunger, Armut, Tristesse. Noch Anfang des vergangenen Jahrhunderts wurden Bergbauernkinder aus dem gesamten Alpenraum während der Sommermonate als Sklaven ins Württembergische verkauft. Die Not war damals so groß, daß Eltern ihre Kinder nicht ernähren konnten.

Folgerichtig wurden die großen Berge erst sehr spät, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, erobert. Reiche Franzosen und Engländer beseelt vom Forscherdrang folgten als erste dem Lockruf der Berge. Die Eroberung des Unnützen, wie das Bergsteigen auch bezeichnet wird, hatte aber auch eine gute Seite, die zu einem ungeahnten wirtschaftliche Aufschwung in den Bergregionen beitrug.Angeheizt durch die Eroberer und den damit verbundenen Sensationsmeldungen der Weltpresse begann das noch sehr zarte Pflänzchen „Bergtourismus“ bald kräftig zu blühen. Auslöser war ausgerechnet die große Tragödie um die Erstersteigung des Matterhorns. Jedermann wollte mit eigenen Augen sehen, wo der dramatische Wettlauf von 1865 stattgefunden hatte.

Der Italiener Jean-Antoine Carrel und der Engländer Edward Whymper hatten sich von der Süd- und Nordseite des Matterhorns her einen verbissenen Zweikampf um den Gipfelsieg geliefert bei dem vier Bergsteiger, drei Engländer und ein Schweizer Bergführer ihr Leben lassen mußten. Von einem Moment auf den anderen waren damit die Sieger zu Besiegten geworden. Dieses Schicksal ereilte bis heute weitere 560 Bergsteiger am Matterhorn. Luis Trenker wirkte in den verfilmten Dramen um die Erstersteigung des Matterhorns gleich zweimal mit: einmal als Hauptdarsteller in dem Stummfilm „Der Kampf ums Matterhorn“ aus dem Jahre 1928 unter der Regie des Italieners Mario Bonnard und 1937 dann ein weiteres Mal als Hauptdarsteller und Regisseur in „Der Berg ruft“. Dieser Film gilt auch heute noch als das beste hochalpine Filmdrama aller Zeiten.

Ende des 19. Jahrhunderts, als die Bilder laufen lernten, hatte der Amerikaner F. Ormiston Smith bereits im Jahre 1901 schon einmal eine Besteigung des Matterhorns gedreht. 20 Jahre später dann erfand der Filmpionier Arnold Fanck das Genre des dramatischen Bergfilms. „Der Berg des Schicksals“ lautete der schicksalsschwere Titel seines Regiedebuts.

Fanck entdeckte den Tiroler Architekturstudenten Luis Trenker zunächst als Bergführer und Spaghettikocher. Für die Rolle eines Bergsteigers war ein Schauspieler von den Münchner Kammerspielen vorgesehen. Der aber streikte beim Anblick der furchterregenden Wand. Da schlug Trenkers große Stunde. Der drohende Fels an dem sich der Mime mit Grauen abwandte, war für den Luis den Bergfex ein vertrautes Terrain. Seine erste filmische Kletterfahrt geriet für ihn sozusagen zu einem Spaziergang. Aber auch Trenker hatte ein Problem: Er wollte sich für sein Debut partout nich schmincken lassen, denn schließlich sind die Berge ja auch nicht geschminkt.

Als 1929 der Tonfilm erfunden wurde, durfte sich das Publikum fortan nicht nur an der Stummfilmmimik, sondern auch an den markigen Sprüchen des Bergfex delektieren: Es hörte von dessen Auffi und Abbi am Berg und delektierte sich an seinen Kraftausdrücken: Falotten, Halunken, leckt’s mi am Arsch, Waschlappen, Stoaesel: Greif’ eini in den Fels. Aber auch ein Trenker hatte manchmal genug und wetterte dann mit einer Feststellung an jenes höheres Wesen das mutmaßlich über den Bergen thront: „Herrgott - I mag di verfluchten Berg’ nimmer“.

1924 entdeckte Leni Riefenstahl, die erste Sensationsdarstellerin der damaligen Zeit, sich selbst bei Arnold Fanck für den Bergfilm, wie auch später dann als Filmemacherin für Hitler.
Während der Dreharbeiten zu ihrem ersten gemeinsamen Film „Der heilige Berg“ verlobten sich Leni und Luis heimlich. Bereits bei der Erstaufführung aber kam es zum großen Krach, weil die schöne Leni vor dem Luis auf dem Filmplakat genannt war. Leni war für den Macho Luis fortan nur noch „die ölige Ziege“.

Fast zwei Jahrzehnte bestritt das Triumphirat Fanck, Trenker, Riefenstahl - zunächst gemeinsam - später dann einzeln, sich heftig untereinander befehdend das Genre und fast die gesamte Szene „Bergfilm“. Als Regisseure, Darsteller, Produzenten waren sie praktisch ohne Konkurrenz.

Die Filmkritiker der zwanziger- und dreissiger Jahre im vergangenen Jahrhundert beurteilten den Wagemut am Berg sehr differenziert. Schon bald meinte man in Fanck & Co Wegbereiter des Faschismus zu sehen, die den Zielen der Nationalsozialisten in der Darstellung heroischer Bergdramen immer neue Nahrung boten. Symbolträchtige Titel wie „Im Kampf mit dem Berge“, „Der Berg des Schicksals“, „Der heilige Berg“, „Die weiße Hölle vom Piz Palü“, „Der Berg ruft“ taten ein übriges dazu. Siegfried Kracauer hat in seiner Studie „From Caligari to Hitler“ erstmals versucht, die Popularität des Bergfilms mit der politischen Realität der pränazistischen Zeit zu konfrontieren. Formale Übereinstimmungen wie etwa das Spiel der Wolken, das in den Bergfilmen zu ähnlicher Wirkung gebracht werde wie später in Riefenstahls „Triumph des Willens“, deckten, so Kracauer, die schließliche Verschmelzung von Gebirgskult und Hitlerkult auf.

Lange gab es keine Konkurrenz zu der berühmte Fanck’schen Freiburger Kameraschule, die die besten Kameramänner vor dem Kriege mit Sepp Allgeier, Albert Benitz, Richard Angst, Hans Schneeberger, Kurt Neubert hervorbrachte. Nach dem zweiten Weltkrieg, auf der Suche nach der heilen Welt, entstand dann der missverstandene- oder vielmehr der missratende Bergfilm, nämlich der Heimatfilm, der oft in den Bergen spielte. Es waren dies Komödien und Melodramen: Die Försterliesl, Almenrausch und Alpenglühn, Wilderer, Kuhglocken, Fensterln und das Bett im Heu boten Rezepturen für das Glück in den Bergen. Auch Luis Trenker versuchte sich nach dem deutlichen Knick in seiner Karriere nach dem 2. Weltkrieg mit mäßigem Erfolg an einem Genre das man Kitsch nannte. Seine phantasievollen Geschichten aus seiner Südtiroler Heimat aber, die er Anfang der 60iger in dem neuen Medium Fernsehen zu erzählen hatte, begeisterten fortan ein treues Millionenpublikum.

Der klassische Bergfilm, in Form von opulenten Dokumentationen, wurde Anfang der 50iger Jahre mit den Erstersteigungen der Himalayagipfel von Amerikanern, Italienern und Franzosen fortgesetzt. Natürlich waren auch die Deutschen und Österreicher dabei. So z.B. Hans Ertl, Herrmann Buhl und Kurt Diemberger am Nanga Parbat. Als erste aber, begannen die Franzosen sich in den frühen 60iger Jahren im klassischen Sujet von Schwere und Pathos der 20iger und 30iger Jahre zu lösen. Eine junge Avantgarde talentierter Regisseure wie Gaston Rebuffat, Marcel Ichak, Lionel Terray schufen eine bisher nie gesehene Leichtigkeit des Seins in schwierigstem Fels.

Beispielhaft hierfür sind „Sterne am Mittag“ von Marcel Ichak und Gaston Rebuffats „LES HORIZONS GAGNEES“. Im Montblanc Gebiet erklomm er fast tänzerisch spitze Felsnadeln aus Granit ohne Pathos und aufgesetzte Dramatik. Die Bildkomposition, die musikalische Untermalung mit Blues und Jazz, alles löste sich am furchterregenden Berg in weichen Kontrasten, harmonischen Farben und spielerischen Bewegungsabläufen auf. Die Deutschen hielten mit der Klempnerei in schwierigstem Fels und damit in neuen, völlig ungewöhnlichen Blickwinkeln und Sichtweisen in der Kameraperspektive dagegen: Anfang der 60iger Jahre filmte der Sachse Lothar Brandler im höchsten Schwierigkeitsgrad der „Drei Zinnen“ mit der Handkamera aus der Lotrechten. Eine neue Art der optischen Reportagekunst war so Anfang der 60iger Jahre entstanden. Nichts schien von da an im Bergfilm mehr unmöglich.

Gerhard Baur, ein Assistent Brandlers, entpuppte sich als das große Bergfilmtalent der frühen 70iger Jahre. Baur der seinen Prinzipien der erzählerischen Sorgfalt und hohen Qualität seiner Bilder stets treu blieb, setzt seine Erfolge bis in die jüngste Gegenwart fort. Unvergessen sind „Die Geschichten des Alpinismus“, seine Rekonstruktionen aufsehenerregender Bergfahrten der frühen Kletterpioniere in den Westalpen.

Auch intelektuelle Filmemacher wie Werner Herzog versuchten sich am Berg. Herzog und sein neuer Freund Reinhold Messner waren bald in aller Munde. In Patagonien, am Himalaya. Die Mysthik, die Apotheose Mensch und Berg nahm sie gefangen. In „Der Schrei aus Stein“ wurden der Extrembergsteiger Reinhold Messner und Werner Herzog zu spirituellen Bergfreunden. Doch schon bald entzweiten sie sich mit ihren überhöhten Träumen und bezichtigten sich gegenseitig am Niedergang der Berge mit schuld zu sein..

Einer der ganz großen der Bergfilmszene, der Engländer Leo Dickinson setzte da schon filmische Meilensteine am Mont Everest. 1978 begleitete Dickinson Reinhold Messner und Peter Habeler mit der Kamera als einziger bei dem Versuch, den Everest ohne künstlichen Sauerstoff zu besteigen. Damals war bereits der junge Österreicher Robert Schauer dabei, der Ende der 90iger Jahre zusammen mit dem amerikanischen Extrembergsteiger und Regisseur David Breashears den IMAX Film „Gipfel ohne Gnade“ am Everest drehte. Dickinson flog als erster 1993 mit dem Heißluftballon über den Gipfel des Everest und pickelte sich 1975 mit drei englischen Bergsteigern im Winter entlang der „Bonatti-Route“ die Nordwand des Matterhorns bei extremsten Bedingungen hinauf. Stets war seine Living Cam ein unbestechlicher Zeuge. Sie war auch dabei, als er 1993 den bis dato wohl spektakulärsten Basejump vom Trango Tower im Karakorum drehte. Zwei australische Alpinisten wagten den Sprung im Freefall mit dem Fallschirm die 2200 m tiefe Ostwand hinunter, und überlebten.

Der Schweizer Fulvio Mariani setzte mit CUMBRE CERRO TORRE in den 80iger Jahren neue Akzente des verwegenen Sportkletterns in Patagonien. Sein Epos im Felsendom des Cerro Torre weckt Sehnsüchte eines jeden Bergsteigers: wild and free. Der Franzose Robert Nicod hielt den Zuschauer gar mit kleinen kriminologischen Spielhandlungen am Berg in Atem.

Die Liste berühmter Filmemacher am Berg ließe sich beliebig fortsetzen, würde nicht der Faktor Zeit Einhalt gebieten. Inzwischen haben sich neben der etablierten Bergfilmergarde Freaks hinzugesellt, denen am Berg nichts zu schwierig und schon garnichts heilig erscheint. Den Anfang machte vor 40 Jahren der Ex-Skirennläufer und spätere Modefabrikant Willy Bogner junior, als er in einem James Bond Film die Bobbahn von Celerina auf Skiern mit der Kamera in der Hand hinunterraste. Er erfand die Synthese, Skiextrem-Sport und Werbung in fulminaten Bildern miteinander zu verbinden.

Sportfilmer wie Jens Hoffmann-Comino, Hannes Arch, Steve Winter, Nik Alestick, John de Cesare, Feliix Baumgartner, Udo Neumann und Klem Loskot fördern mit Filmen über Paraglyder, Deltaplan, Basejumper, Feeclimber, Canyoning, Snowboarder, Offroader, Mountainbiker, Powerskier die Darstellung des Nervenkitzel mehr und mehr. Cliffhanger, Vertical Limit, James Bond und Avalanche Express haben dramatische Zweikämpfe in höchsten Höhen zum Inhalt. Die Darsteller in diesen Filmen scheinen nicht nur wegen der verwendeten Pyrotechnik schwerelos zu sein; wenngleich die Drehbücher sich oft am Rande der Absurdität bewegen.

„Filming the impossible“ ist möglich. Doch die Realität ist anders, die Berge schlagen zurück. Unberechenbar, gnadenlos wie eh und je. Oft bleibt der Helicopter als eimziges Rettungsmittel in dieser hochtechnisierten Welt, so wenn wir uns an die Lawinenkatastrophe in Galtür erinnern. Daran sollten wir denken, wenn wir diese Filme sehen. Die Berge lassen sich nicht wirklich bezwingen, schon garnicht von uns Menschen. Es gilt die Schönheiten der Natur mit Vorsicht und Umsicht geniessen, aber nicht dem Trugschluß zu unterliegen, daß überall dort wo Bergbahnen in Minutenschnelle bis in den 4000er Bereich hinaufführen, alles gesichert, alles berechenbar und alles frei von Risiken iist.

Nicht umsonst kommen Extremsportler und Bergfilmer in der wilden Natur sehr selten zu Schaden oder gar ums Leben. Sie scheinen mit einem untrüglichen Warnsystem ausgestattet zu sein, Grundvoraussetzung für ihre oft lebensgefährliche Arbeit, deren Mühen und Plagen Sie während der kommenden 5 Monate hier in dieser Ausstellung (Filmmuseum Potsdam, bis April 2002) mit weltweiten Aspekten bewundern können.

© Hans-Jürgen Panitz, Dezember 2001, anlässlich der Ausstellung 100 Jahre BergFilm im Filmmuseum Potsdam